Einige Überlegungen zur Stellung der „germanischen“ Frau

Neulich las ich in einer Amazon-Rezension zu einem historischen Roman die Kritik, der Autor habe die bekanntermaßen hohe Stellung germanischer Frauen ignoriert. An den genauen Wortlaut kann ich mich leider genauso wenig erinnern, wie an den Titel des Romans, aber die Behauptung geht mir trotzdem nicht aus dem Sinn. Das liegt u.a. sicher daran, dass Frauen eine ganz entscheidende Rolle in der Nibelungensage spielen. In meiner Version ist Brünhilde zwar eine romanisierte Keltin, aber Krimhild und Ute sind „Germaninnen“ und auch Brünhilde muss ihre Stellung in einer „germanischen“ Gesellschaft finden.
Zum anderen liegt es aber auch daran, dass ich diese These nicht glaube. Mir scheint sie eher ein Ergebnis der Germanentümelei des frühen 20. Jahrhunderts.

Zwar betont schon Tacitus in seiner Germania die „hervorragende“ Stellung der Frau, aber bei näherer Betrachtung bleibt nicht viel an harten Fakten übrig, das zu untermauern. Die Einschätzung fußt vor allem auf der Beobachtung, dass die Krieger durch die drohende Gefangennahme ihrer Frauen und Kindern im Kampf motiviert werden (nicht sehr überraschend), dass auch Jungfrauen als Geiseln akzeptiert werden und dem Ansehen von Seherinnen, wie Veleda.
Andererseits schreibt er aber auch, dass die Ehen von den Familien geschlossen werden und dabei keine Rücksicht auf die Gefühle der Ehepartner genommen werden. Die Frau muss ihren Mann nicht mögen, wichtig ist allein die Stellung als Ehefrau (Tacitus, Germania 19,4). Der Mann kann sie jederzeit verstoßen, wenn sie die Ehe bricht (davon, dass sie eine Möglichkeit hat, sich ohne Ansehensverlust von ihm zu trennen, schreibt Tacitus nichts). Im öffentlichen Leben sind Frauen nicht präsent und im Thing zählt nur die Stimme des Mannes.
Nun hat es „die Germanen“ nie gegeben, sondern nur eine Vielzahl rechtsrheinischer Stämme, die sich z.T. erheblich in ihrer Kultur unterschieden. Außerdem ist die Germania immer schon als indirekte Kritik an der römischen Gesellschaft interpretiert worden, in der Frauen sich „anmaßten“, sich scheiden zu lassen und sich sogar (oh Horror!) in die Politik einmischten. Daher darf man das von Tacitus kolportierte Frauenbild sicher nicht unbesehen glauben. Dafür entsprach es aber sehr gut der patriarchalen Geisteshaltung des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die ebenfalls die Beschränkung der Frau auf den Haushalt propagierte und sich dabei auf überkommene „völkische“ Werte berief, die mit den Rassegesetzen des Nationalsozialismus ihren traurigen Tiefpunkt erreichten.

Wenn man aber Tacitus nicht trauen darf, was bleibt dann, um die hohe Stellung germanischer Frauen zu belegen?
Nicht viel, soweit ich weiß. Ein paar Fürstinnengräber vielleicht, in denen mehr lag, als nur ein bisschen Schmuck und Spinnwirtel oder Webgewichte (was ungefähr so ist, als würde man uns mit einem Bügeleisen oder Kochlöffel beerdigen).
Auf der anderen Seite gibt es aber das sogenannte Edictum Rothari, eine Gesetzessammlung des Langobardenkönigs Rothari, die am 22. November 643 vom gairethinx (Thing) beschlossen wurde. Danach unterstand eine Frau von Geburt an immer der Munt (Vormundschaft) eines Mannes; zuerst des Vaters, dann der des Ehemannes. Falls dieser starb, ging die Munt auf einen anderen Verwandten über und wenn keine männlichen Verwandten vorhanden sind, auf den König. Die Frau ist also nie frei in ihren Entscheidungen. Sie konnte zwar Eigentum haben, aber ohne Zustimmung des Vormunds nicht darüber verfügen. Immerhin durfte ihr Mann sie nicht einfach töten (außer sie hatte Ehebruch begangen) und auch Überfälle auf Frauen wurden mit höheren Strafen geahndet, als auf Männer. Das belegt aber weniger die hohe Stellung der Frau, sondern beruht mehr auf dem Gedanken, dass ein Mann sich besser zur Wehr setzen kann und die Frau daher zusätzlichen Schutz benötigt. Aus dem gleichen Grund beträgt die Strafe für „feigen“ Diebstahl (genauso wie für vermummter Wegelagererei) das vierfache des für „ehrlichen“ Raub vorgesehenen.

Das stärkste Argument gegen die behauptete hohe Stellung germanischer Frauen ist in meinen Augen aber die Geschichte der Christianisierung Europas. Das katholische Christentum wurde nämlich weniger durch ruchlose Priester verbreitet, die durchs Land zogen und heilige Haine fällten, sondern ganz maßgeblich von Frauen. Heute beklagen wir (zu Recht) die Beschränkungen, die (katholische) Kirche Frauen auferlegt, aber damals muss es etwas gegeben haben, dass diese Religion sehr attraktiv für Frauen machte. Und das war bestimmt nicht der Satz, dass die Frau dem Manne untertan sei. Oder anders herum gesagt: Wenn sie bereit waren, diese Unterordnung (weiterhin) zu akzeptieren, muss es vorher noch deutlich schlimmer gewesen sein.

Aus diesem Grund haben „meine Frauen“ eher mit den Beschränkungen einer untergeordneten Rolle als mit übertriebener Hochachtung zu kämpfen.

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