Der Segen der Sängerin

Höchste Zeit, mal wieder eine kleine Leseprobe zu posten:

Der folgende Ausschnitt spielt während der Hochzeit von Brünhilde und Gundahar in Worms. Zuvor hat ein Turnier stattgefunden und nun neigt sich das Fest allmählich dem Ende entgegen, aber bevor alle zum großen Festmahl aufbrechen, werden Geschenke verteilt:

Auch die Spielleute beschenkten wir reichlich, denn obwohl auch der Segen eines Fahrenden nur einfach Glück bringt, bedeutet sein Fluch doch doppeltes Unheil. Ich erinnere mich, dass ich einer der Sängerinnen ein Stück gutes Tuch aus gewalkter Wolle schenkte, groß genug für eine Decke oder doch wenigstens einen Mantel. Es war viel mehr, als ihr zugestanden hätte, denn ihr Vortrag war so wenig bemerkenswert, wie ihre Erscheinung. Ich kann nicht sagen, warum ihre Armut mich mehr rührte, als die der anderen oder was mich zu der großzügigen Geste verleitete.
Obwohl sie sich große Mühe mit ihrem Äußeren gegeben hatte, war ihr das harte Leben der Straße deutlich anzusehen. Das offen getragene Haar lag dünn um das ausgezehrte Gesicht, von dem die Schminke bröckelte wie mürber Kalkputz. Ihr rot geschminkter Mund war wie der Rand einer schwärenden Wunde. Auch ihr Kleid war ursprünglich wohl leuchtend rot gewesen, aber mit der Zeit war die Farbe zu einem hässlichen grau-rosa verblichen. An den Säumen und Nähten war es durchgewetzt und bot einen großzügigen Blick auf das schmutzige, zerrissene Hemd und den mageren Körper darunter. Freude und Unglauben stritten auf dem Gesicht der Frau, als sie den Stoff entgegen nahm. Ohne den Blick von mir zu wenden, hob sie die Hände, drückt den Stoff kurz ans Gesicht und presste ihn dann gegen ihre Brust, als fürchte sie, man könne ihn ihr wieder entreißen. Mit der Zunge fuhr sie sie sich mehrfach über die Lippen, bevor sie einen Dankspruch stammelte. Er war so seltsam, dass er mir auch nach all‘ den Jahren noch frisch im Gedächtnis ist:
„Heil dir, Herrin!
Fruchtbares Feld sei’st du.
Mögen der Herr und die Jungfrau
Heilende Hände über dich breiten.
Mögen Worte und Weisheit dich leiten
und möge stets am Feuer dein Stuhl stehen!“

Die Verteilung der Geschenke ist eine Hinzufügung von mir, die ich dem Ablauf mittelalterlicher Feste entlehnt habe. Der restliche Ablauf entspricht dem des Nibelungenlieds. Ob auch die Burgunder so gefeiert haben, weiß ich nicht. Informationen zur Kultur der Völkerwanderungszeit sind rar; sicher ist eigentlich nur, dass sie keine metsaufenden Hörnerhelmträger waren, sondern sich selber als Römer empfanden, obwohl die sie als reichlich ungehobelt ansahen.

Der Spruch der Sängerin ist in Anlehnung an die althochdeutsche Spruchdichtung entstanden. Falls sich jemand über die christlichen Elemente darin wundern sollte: Die Burgunder waren Christen arianischer Prägung. Die Anrufung von Asen und Vanen wäre daher jedenfalls bei offiziellen Veranstaltungen höchst unpassend gewesen.

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